Seit Mitte März wissen wir, dass es bereits im November letzten Jahres eine kleine Anfrage der AfD im Bundestag gab, ob die Buchhandlung im Schanzenviertel Kulturförderung erhalten habe. In der Antwort wird kurz aufgezählt, dass auch wir bereits drei Mal den Buchhandelspreis und Corona Hilfen bekommen haben. Abschließend wird erklärt, dass wegen „der dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorliegenden Erkenntnisse, die‚ Buchhandlung im Schanzenviertel‘ keine weiteren Bundesmittel erhalten“ wird. [
Drucksache 21/2876, Seite 11]
Ähnlich wie im Fall des vor einigen Wochen verwehrten Buchhandelspreises für drei linke Buchhandlungen, erhält hier der Verfassungsschutz direkten Einfluss auf unabhängige Kulturpolitik. Damit setzte der Staatsminister für Medien und Kultur die Strategie, kulturelle Förderung an politische Konformität zu knüpfen, seit Amtsantritt unablässig fort und zerstört damit weiter Vertrauen in die Unabhängigkeit der Kulturpolitik. Wir finden es wichtig, diese Vorgänge in einen rechten Kulturkampf einzusortieren, wie er von rechten Medien, der AfD und auch Teilen der aktuellen Bundesregierung geführt wird. Zu diesem Kulturkampf gehört auch, dass wir über die eingangs erwähnte kleine Anfrage direkt angegriffen werden.
Wir sind ein linkes Buchladenkollektiv, das im Hamburger Schanzenviertel an zwei Standorten mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung Kinder- und Jugendbücher, sowie eine Auswahl an politischen Sachbüchern und Literatur anbietet. Daneben sind wir auch Teil der vielfältigen linken Szene Hamburgs, sind Treffpunkt und Verteilort für Informationen, Veranstaltungen, Plakate und Aufrufe für Demonstrationen und Aktionen. Wir sind auch Postadresse für Gruppen und das Stadtteilzentrum Rote Flora. Diese Rolle als linke Stadtteilbuchhandlung, mit all den darin enthaltenen Widersprüchen, ist uns wichtig. Dabei bewirbt das Hamburger Stadtmarketing auf hamburg.de die Sternschanze als einen Stadtteil mit „einer bunten sozialen Mischung“ und bebildert diesen Betrag mit einem Foto der Roten Flora.
Es dürfte nicht ganz so zufällig gewesen sein, dass wir im letzten Jahr von der AfD herausgegriffen wurden. Schon letztes Jahr bei der Verleihung des Verlagspreises an linke Verlage wurde mit einer gezielten Medienkampagne massiv Stimmung gegen die Verleihung an einige der prämierten Verlage gemacht. Es ist AfD-Strategie, über u.a. kleine Anfragen direkt Initiativen, Vereine, Firmen oder andere zivilgesellschaftliche Projekte heraus- und anzugreifen.
Dadurch schafft es die AfD schon jetzt, die Bundes- und Landespolitik mitzugestalten, ohne in der Regierungsverantwortung zu sein. Andere Parteien scheinen dies entweder nicht mitzubekommen, oder es ist ihnen egal, wenn sie es nicht sogar begrüßen, unterstützen und umsetzen. Die Auswirkungen davon sind schon jetzt deutlich sichtbar. Dazu gehörten ganz aktuell der Umbau des „Demokratie leben“-Programms und die Rücknahme von Förderungszusagen, Eingriffe in Programmgestaltungen oder die geräuschlose Wiedereinführung des sog. ‚Radikalenerlasses‘ in Hamburg.
Wir freuen uns über den großen solidarischen Zuspruch, den unsere Kolleg*-innen der betroffenen Buchhandlungen seitdem von so vielen Seiten erfahren haben und weiterhin erhalten.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat dazu eine sehr weitgehende Erklärung verfasst und Forderungen gestellt, die auch wir unterstützen [2].
Wichtig finden wir auch die bundesweite Kampagne „Lesen hilft“ zur Unter-stützung unabhängiger Buchhandlungen und freier Buchkultur in Deutschland [3]. Ausgehend von den Vorgängen um die drei Buchhandlungen werden hier Presseartikel, Kampagneninfos oder auch Soliaktionen gesammelt. Von dort wurde auch die Petition „Kultur braucht – Freiheit – Freiheit braucht Kultur“ gestartet, die noch unterstützt werden kann [4]
Um sich dem wachsenden Autoritarismus entgegenzustellen ist uns die Stärkung von progressivem zivilgesellschaftlichem Engagement und Ange-boten wichtig. Dies wollen und werden wir auch weiterhin machen. Dafür braucht es auch eine unabhängige Verlags- und Buchhandelslandschaft.
Das Kollektiv der Buchhandlung im Schanzenviertel
Hamburg, 28.04.2026